Goldschatz in der Vogelhöhle

In der Staatsbibliothek in Rio de Janeiro (Brasilien) wird eine bisher nicht vollständig entschlüsselte Schatzbeschreibung aufbewahrt. Die Zeichen sind die Geheimschrift eines Seeräubers und beschreiben einen Goldschatz in einer Höhle. Bisher ist es erst gelungen, die erste und die vierte Zeile zu entziffern.

Die Übersetzung der ersten Zeile lautet:

Goldschatz in Vogelhöhle

Cave picara“ „Tesoro oro“ = Goldschatz in der Vogelhöhle

Cave kommt vom lateinischen cavea und wird nur im Englischen direkt mit „Höhle“ übersetzt. In der portugiesischen oder spanischen Sprache gibt es das Wort nicht. Cave bedeutet aber auf Französisch Keller, der allgemeine Begriff für einen unterirdischen Raum. Vielleicht ist damit tatsächlich eine Höhle gemeint. Die Übersetzung picara mit Vogel ist unwahrscheinlich. Picara bedeutet vielmehr Schurke,  gemeiner Kerl von üblem Lebenswandel. Vielleicht ist ein Pirat gemeint und die angebliche Vogelhöhle ist eigentlich eine Piratenhöhle. Das ist eine Höhle, die nach Legenden von Piraten als Versteck oder Stützpunkt genutzt wurde, meist Küsten- oder Meereshöhlen und oft mit schwer zugänglichen Eingängen (z. B. nur über das Meer). Bei Angra dos Reis (Rio de Janeiro) gibt es zahlreiche Inseln und Höhlen, darunter die Gruta da Imprensa (Presse-Grotte), die eine bekannte Piraten-Legende hat. Auch die Insel Ilha Grande (Rio de Janeiro) ist bekannt für ihre natürlichen Buchten, die einst Piraten Unterschlupf boten. Ebenso die Küsten von Bahia: Historisch eine Region mit viel Piratenaktivität im 17./18. Jahrhundert, daher gibt es dort viele Höhlen mit Piratenlegenden. 

Die Zeilen mit den verschlüsselten Ortsbezeichnungen konnten bisher auch nicht enträtselt werden.

Goldschatz in Vogelhöhle

Um die Geheimschrift zu entschlüsseln, ist es vielleicht zweckdienlich sich zunächst einmal mit dem Hinweis auf die Vogelhöhle näher zu beschäftigen. Vorausgesetzt die Übersetzung Vogelhöhle ist richtig.  Dann handelt es sich um eine Höhle in der Vögel nisten. Wenn der Goldschatz in einer Vogelhöhle versteckt wurde, dann muss es eine Höhle sein, die von Menschen begehbar ist, denn sonst hätte man dort keinen Schatz verstecken können. Solche von Menschen begehbare Höhlen in denen Vögel wohnen gibt es tatsächlich in Südamerika, die Guacharohöhlen. Der Guacharo ein nur in Südamerika vorkommender Vogel, der in Höhlen nistet, ist in Venezuela, Guayana, Trinidad, Kolumbien, Ecuador und Teilen von Brasilien beheimatet. Die Guacharos sind große Vögel mit bis zu 1 Meter Flügelspannweite. Guacharos leben in Kolonien, die eine Größe von bis zu 50 Paaren und mehr erreichen können. Da die Guacharos ihre Höhlen zur Futtersuche verlassen müssen, sind schon aufgrund der Flügelspannweite nur Höhlen mit weiten Öffnungen geeignet, die deshalb auch für Menschen zugänglich sind. Die Größe der Kolonien setzt außerdem tiefe Höhlen (bis zu einem km) voraus. Hier kommen am ehesten Tropfsteinhöhlen infrage.

 

Cueva de GuacharoDie bekannteste Höhle dieser Art, die „Cueva de Guacharo“  im Nordosten Venezuelas, ist die größte Tropfsteinhöhle Südamerikas. Bisher sind nur elf Kilometer des Inneren der Höhle erforscht, das genaue Ausmaß ist noch nicht bekannt. Gegen diese Höhle als Schatzversteck spricht aber, dass sie im Landesinneren 27 km vom karibischen Meer entfernt liegt. Piraten hatten selten Zeit und auch keine Lust ihre Schätze in die oft unzugänglichen Gegenden im Hinterland zu transportieren. Sie wollten ihre Schätze zwar sicher verstecken, aber auch kurz- oder mittelfristig wieder zur Verfügung haben, daher lagen die Verstecke meistens auf Inseln oder zumindest in Küstennähe. Meereshöhlen, die durch die Meereserosion von steilen Felswänden verursacht werden, kamen auf den Inseln der Bocas häufig vor. Der Zugang erfolgt meist nur auf dem Seeweg und ist wegen der Brandung in vielen Fällen schwierig. Einzelne Meereshöhlen befinden sich auf den Inseln Chacachacacare, Huevos, Monos, Gaspar Grande und L‘ Ance Paua. Die Höhlen, insbesondere die Huevos Höhle beherbergten früher Kolonien von Guacharos. Die Vögel sind dort heutzutage nicht mehr anzutreffen. Gaspar Grande verfügt über zahlreiche Höhlensysteme, deren bekanntestes die im Westen der Insel gelegenen, 35 Meter tiefen Gasparee Caves sind, die Fledermäuse beherbergen und in denen sich ein unterirdischer Süßwassersee, die Blue Grotto befindet. Heute werden die Inseln der Bocas, von Einheimischen als Naherholungsgebiet für Tagesausflüge genutzt.

Isla MonosGuacharohöhlen befinden sich auch auf der Insel Monos (an der Norwestspitze von Trinidad). Monos ist umgeben von Meeresklippen. Die Insel besteht aus Dolomit und Kalkstein mit vielen Höhlen im gesamten Gebiet. Auf der Insel gibt es rund 200 Höhlen. Viele davon mit Höhlenzeichnungen, die von den ursprünglichen Einwohnern der Insel angefertigt wurden. Bis auf einige nicht dauerhaft bewohnte Ferienhäuser reicher Festlandbewohner an der Ostküste (Morrison Bay und Biscayen Bay) und in einigen Buchten der Südküste (Grand Fond Bay und Balmoral Bay) ist die vollständig von Regenwald bedeckte Insel unbewohnt. In der Morrison Bay und der Grand Fond Bay gibt es kleine Hafenanlagen. Der Höhlenvogel Guacharo ist auch aus Höhlen der Insel Trinidad bekannt, vor allem aus der begehbaren Oropuche Guacharo Cave nordwestlich von Cumaca. Durch die Höhle fließt der Nord-Oropouche-Fluss. Die Höhle ist 200 Meter lang und in drei Kammern unterteilt. An ihren Wänden leben und nisten Hunderte von Guacharos. Auch in der Dunston-Höhle im Tal von Arima sowie in der Aripo-Höhle am Cerro del Aripo existieren Populationen des Guacharos. Alle diese Höhlen befinden sich jedoch weit im Landesinnern der Insel Trinidad, und kommen als Schatzhöhle eher nicht infrage.

Guacharos GebietWeitere Höhlen gibt es an der Nordseite der Northern Range (siehe Bild unten), einem Gebirgszug auf Trinidad. Die Northern Ranges erstrecken sich von der Chaguarama-Halbinsel im Golf von Paria 100 km weit bis Toco am Atlantischen Ozean. Die Nordküste ist steil, felsig und wenig erschlossen, es gibt keine durchgehende befahrbare Straße. Die einzige Straße „North Coast Road “ verläuft entlang der Nordküste Trinidads nach Osten bis Blanchisseuse an der Mündung des Marianne River. Dort endet die Küstenstraße; das ca. 30 km lange Teilstück zwischen Blanchisseuse und Matelot ist unerschlossen. Von Matelot aus führt die Paria Main Road dann weiter an der Küste entlang bis nach Grand Riviere. Ab da verläuft die Straße etwas abseits der Küste weiter bis nach Toco. An Teilen der Steilküste sollen früher Guacharos genistet haben. Eine Besonderheit von Trinidad liegt auch in der lange sehr isolierten Lage an der Südküste von Kuba. Während des 16. und 17. Jahrhunderts waren Trinidad und die Nachbarinsel Tobago Anlaufstelle und Zufluchtsort für zahlreiche Seeräuber und Piraten, die sich dort relativ ungestört und entfernt von der spanischen Krone und deren Zentrum Havanna aufhielten. In dieser Gegend aktive Piraten, die in die Geschichte eingegangen sind, waren der jamaikanische Pirat Charles Gant, der im Jahr 1704 die gleichnamige Stadt Trinidad auf Kuba plünderte, und andere berühmt gewordene Piraten wie Inocentes, Nepomuceno oder Armenteros.

Nothern Range

Anmerkung des Autors: Ein ganz anderer Ansatz um den Schatz zu suchen, könnte sein, es vielleicht mit einer anderen Übersetzung der verschlüsselten Schatzbeschreibung zu versuchen. Cave picara“ „Tesoro oro“ könnte auch bedeuten, Goldschatz bei der Vogelhöhle und nicht Goldschatz in der Vogelhöhle. Geht man davon aus, so wäre der Goldschatz nicht in einer Vogelhöhle zu suchen, sondern in der Nähe einer Vogelhöhle oder Vogelhöhlen. Damit ergeben sich ganz neue Perspektiven. Vielleicht sollte man an der Küste bei Rio de Janeiro nach einer Vogelhöhle suchen. Die Höhle ist möglicherweise nur vom Wasser aus zugänglich.  Für die Umgebung um Rio de Janeiro spricht, das sich dort früher auch Piraten herumtrieben. Ein weiteres gewichtiges Indiz, ist dass die Schatzbeschreibung in der Staatsbibliothek in Rio de Janeiro aufbewahrt wird. Interessant ist auch das im September 1711 der französische Freibeuter und Marineoffizier René Duguay-Trouin die Stadt Rio de Janeiro erobert und gebrandschatzt hatte. Dabei erbeutete er unter anderem 60 Handelsschiffe und die gesamten Jahreseinnahmen der portugiesischen Kolonie. Die in der Nähe liegende Ilha Grande war im 16./ 17. Jahrhundert bevorzugter Zufluchtsort europäischer Piratenschiffe und Korsaren, die sich mit den Einheimischen und Kolonisten erbitterte Kämpfe lieferten. An der Südwestküste der Ilha Grande liegt die Gruta do AcaiáEtwa acht Meter unter dem Meeresspiegel befindet sich ein Riss im Küstenfelsen, durch den Meerwasser in eine unterirdische Kammer mit einem Kieselstrand strömt. Die Höhle ist etwa 30 Meter breit und durchschnittlich 1 Meter hoch. Der Zugang erfolgt über Land durch einen engen und schwierigen Höhlendurchgang. Vielleicht gibt es noch weitere bisher nicht entdeckte Höhlen. Infrage kommen z. B.  Meereshöhlen auf den Inseln Chacachacacare, Huevos, Monos, Gaspar Grande und L‘ Ance Paua.

Guacharo Verbreitungsgebiet in Brasilien Luftaufnahme auf Ipanema und Copacabana. Vergrößerter Ausschnitt der Luftaufnahme oben