Codes und Geheimschriften
Die Erfindung der Schrift ist ein einschneidendes Ereignis der Menschheitsgeschichte. Erst durch das Aufschreiben von Wissen konnte Wissenschaft und damit die Grundlage fortschrittlicher Technologie entstehen. Der Übergang von bildlichen Darstellungen, die schon vor zehntausenden Jahren an Felswände gemalt wurden, hin zu schreibenden Buchstaben war fließend. Eine entscheidende Innovation war dabei die Entwicklung von Zeichen, die einzelne Laute darstellten (Phonographie). Sie markiert den Übergang von der Abbildung von Gegenständen zur Abbildung von Sprache. Ursprünglich dienten Schriftzeichen als Piktogramme (Bilderschriften), um ganze Objekte oder Ideen darzustellen. Ein Bild stand nicht mehr für den Gegenstand, sondern für den Lautwert seines Namens. Dieses Verfahren auch Rebus-Prinzip genannt, beschreibt die Verwendung von Symbolen oder Schriftzeichen als Lautzeichen, ohne Rücksicht auf die ursprüngliche Bedeutung der Zeichen. Ein entscheidender Schritt zur Einzellautdarstellung war die Akrophonie, eine Weiterentwicklung in der Schriftgeschichte, bei dem ein Schriftzeichen (ursprünglich oft ein Bild ) den Lautwert des Anfangslauts des Wortes annimmt, das es darstellt (z. B. „Aleph“ für Rind). Für den ersten Anlaut dieses Wortes wird nur noch (der Laut „A“) verwendet). Die Phönizier perfektionierten dieses System vor etwa 3.000 Jahren. Sie schufen eine reine Konsonantenschrift, in der jedes Zeichen einem spezifischen Laut entsprach. Den letzten Schritt zum modernen Alphabet verdanken wir den Griechen, die das phönizische System um Vokalzeichen ergänzten.(z. B. wurde aus dem Halbvokal Aleph für Rind das Alpha). Einer der größten Durchbrüche für die Entschlüsselung alter Schriften war der 1799 in Ägypten gefundene Stein von Rosette, da er als Schlüssel zur Entschlüsselung der ägyptischen Hieroglyphen diente. Das Fragment einer Granitstele enthält ein Priesterdekret aus dem Jahr 196 v. Chr., das in drei verschiedenen Schriften verfasst wurde: Hieroglyphen (oben): Die Schrift der Priester und für religiöse Texte, Demotisch (Mitte): Die Alltagsschrift der ägyptischen Beamten und des Volkes und Altgriechisch (unten): Die Sprache der ptolemäischen Herrscher Ägyptens. Dem französischen Sprachforscher Jean-François Champollion gelang 1822 die Entschlüsselung. Er bemerkte, dass bestimmte Zeichengruppen im Hieroglyphen-Text von einer ovalen Linie umrahmt waren. Er vermutete (richtig), dass dies die Namen von Königen waren. Er verglich den Namen Ptolemaios (aus dem griechischen Text) mit dem Namen Kleopatra (von einem anderen Fundstück, dem Obelisken von Philae). Er stellte fest, dass beide Namen bestimmte Zeichen gemeinsam hatten (z. B. das P, das L und das O. Damit war bewiesen dass Hieroglyphen sowohl für Laute als auch für Symbole stehen können. Champollion sprach ausserdem fließend Koptisch (die Sprache der ägyptischen Christen). Er wußte, dass Koptisch die letzte Entwicklungsstufe des Altägyptischen war. Dies half ihm, die Bedeutung der Wörter zu verstehen, sobald er die Laute entziffert hatte.
Verschlüsselte Codes und historische Geheimschriften faszinieren seit Jahrhunderten Kryptologen. Während einige berühmte Fälle wie die Zodiac-Chiffre Z340 (2020 gelöst) inzwischen entschlüsselt sind, bleiben andere ein Geheimnis. Weltweit gibt es rätselhafte Schriften und Manuskripte, die trotz moderner Technik und künstlicher Intelligenz bis heute nicht oder nur teilweise entziffert werden konnten.
George Washington nutzte ein System von Codes und Chiffren, insbesondere durch den Culper Spy Ring, um während des Amerikanischen Unabhängigkeitskrieges vertrauliche Informationen zu schützen.

Unentschlüsselt ist der Diskos von Phaistos: Eine Scheibe aus gebranntem Ton, beidseitig mit spiralig zur Mitte laufenden Symbolen beschrieben: An diesem Objekt im Museum von Heraklion beißen sich Experten die Zähne aus. Im minoischen Palast von Phaistos entdeckt, blieb die Botschaft des Diskos – um 1600 v. Chr. in kretischen Hieroglyphen eingeritzt – bis heute ein Rätsel. Man vermutet das die Hieroglyphen die Frage beantworten könnten, warum ging das Volk der Minoer so plötzlich unter.
Unentzifferte Schriften geben Aufschluß über Leben und Geschick von Völkern, die längst verschwunden sind. Deshalb zählen die uralten unentzifferten Zeichen zu den großen Fragen der Archäologie. Drei große Schriften der Menschheitsgeschichte hüten hartnäckig ihre Geheimnisse: Linear A ist ein bis heute nicht vollständig entziffertes Schriftsystem der minoischen Kultur, das etwa zwischen 1800 und 1450 v. Chr. auf Kreta und in der Ägäis verwendet wurde. Es sind etwa 1.400 Tontafeln und Rollsiegel mit kurzen Inschriften erhalten. Linear A ist ein logosyllabisches System, das aus rund 90 Silbenzeichen sowie zahlreichen Ideogrammen besteht. Das Schriftsystem gilt als der direkte Vorläufer der später entzifferten Linearschrift B. Die hinter der Schrift stehende „minoische Sprache“ konnte bisher keiner bekannten Sprachfamilie (wie Indogermanisch oder Semitisch) eindeutig zugeordnet werden. Die Indus-Schrift – verwendet von 2600 bis 1500 v. Chr. im heutigen Pakistan, wo die Siedlungen Mohenjo-Daro und Harappa ausgegraben wurden. Meist in Speckstein-Siegel geschnitten, umfaßt die Schrift 401 Basiszeichen plus 286 Varianten. Die Inschriften verlaufen meist von rechts nach links, teilweise auch im Wechsel (Boustrophedon). Die Symbole finden sich überwiegend auf kleinen Steatit-Siegeln, Tonscherben, Kupfertafeln und Amuletten. Es ist unbekannt, welcher Sprachfamilie (z. B. drawidisch oder indogermanisch) die Symbole zugeordnet werden können. Trotz intensiver Forschung (auch mittels KI und mathematischer Modelle) bleibt die Bedeutung der Symbole und Schriftzeichen ein Rätsel. Oder Etruskisch – in Mittelitalien kamen auf Gefäßen und anderen Grabbeigaben mehr als 10000 Inschriften ans Licht. Die aus einem westgriechischen Alphabet abgeleitete Schrift mit zunächst 26, später 20 Zeichen wurde vom 8. bis 1. Jahrhundert v. Chr. verwendet. Hinzu kommt eine Handvoll “kleiner” Schriften. So etwa Turdetanisch, die Schrift der Handelsstadt Tartessos, die im 1. Jahrtausend v. Chr. in Südspanien lag. Nur zehn Zeichen, die auf Münzen erhalten sind, wurden anhand von Ähnlichkeiten mit einem numidischen Alphabet entziffert. Sidetisch schrieben um die Mitte des 1. vorchristlichen Jahrtausends die Einwohner der südanatolischen Stadt Side – und nur sie. Die ausgestorbene Sprache ist nur durch wenige Inschriften auf Münzen und Steinen aus dem 3. und 2. Jahrhundert v. Chr. bekannt. Der antike Historiker Arrianos notierte um 150 n. Chr., die Sprache der Sideten habe nichts mit anderen Sprachen gemein. Oder Rongorongo, eine im 18. und 19. Jahrhundert n. Chr. entwickelte Schrift auf der Osterinsel im Ostpazifik. Nur 25 zeichenbedeckte Holztafeln sind heute noch erhalten. Die Deutung der Zeichen ist auch nach zahlreichen Versuchen immer noch umstritten.
Der Goldgräber Thomas Jefferson Beale hat einen Code (siehe Link unten) hinterlassen, der das Versteck eines Schatzes beschreibt. Der Wert des Schatzes wird auf rund 48 Millionen Euro geschätzt. In den drei codierten Texten, die nur aus Zahlenreihen bestehen, beschreibt er das Versteck des Schatzes, den Inhalt des Verstecks und in Text drei die Namen und Anschriften der berechtigten Personen. Text Nr. 1 beschreibt den genauen Ort der Höhle. Eine Entschlüsselung des Textes, der nur aus Zahlenreihen besteht, ist bis heute nicht gelungen.
Die Wissenschaft der Verschlüsselung von Informationen wird Kryptografie genannt. Verschlüsselungstechniken wurden bereits von den alten Ägyptern verwendet. Die Hebräer benutzten im Mittelalter einfache Zeichentausch-Algorithmen (z. B. die Atbasch-Verschlüsselung). Eine der bekanntesten Geheimschriften des Mittelalters ist das Alphabetum Kaldeorum (siehe unten). Die Bezeichnung Kaldeorum verweist auf das Volk der Chaldäer. Die Griechen verschlüsselten 400 v. Chr. ihre Nachrichten mit der sogenannten Skytala (Holzstab). Der antike griechische Geschichtsschreiber Polybius entwickelt 170. v. Chr. die Polybius-Tafel. Damit konnten Buchstaben in numerische Zeichen umgewandelt werden. Auch der römische Feldherr Gaius Julius Caesar nutzte eine Verschlüsselungstechnik. Das nach ihm benannte Cäsar Chiffre arbeitete mit der monoalphabetischen Substitution. Dabei verschob man einen Buchstaben des Alphabets um einen bestimmten Abstand. Cäsar soll häufig den Schlüssel C, also eine Verschiebung des Alphabets um drei Buchstaben verwendet haben. Während des Zweiten Weltkriegs wurde die als ENIGMA bekannte Maschine vor allem vom deutschen Militär zur geheimen Kommunikation verwendet, ab 1932 aber durch polnische und ab 1939 durch britische Codeknacker entziffert. Wer sich für Verschlüsselungsverfahren, Geheimschriften kurz Kryptologie interessiert, hier eine noch ungelöste Kopfnuss. In der Staatsbibliothek in Rio de Janeiro (Brasilien) wird eine bisher nicht vollständig entschlüsselte Schatzbeschreibung aufbewahrt. Die Zeichen sind die Geheimschrift eines Seeräubers und beschreiben einen Goldschatz in einer Höhle. Bisher ist es erst gelungen, die erste und die vierte Zeile zu entziffern. Die Übersetzung der ersten Zeile lautet: Cave picara-Tesoro oro = Goldschatz in der Vogelhöhle. Die Zeilen mit den verschlüsselten Ortsbezeichnungen warten immer noch auf ihre Enträtselung.

Das Alphabetum Kaldeorum wurde überwiegend verwendet, um diplomatische Korrespondenz zu verschlüsseln; Es wurde hauptsächlich für lateinische Texte eingesetzt: u und v werden gleichgesetzt; w war als doppeltes v zu schreiben; j fehlt. Für häufig auftretende Buchstaben werden mehrere unterschiedliche Zeichen parallel verwendet , Damit sollte eine Entschlüsselung nach der klassischen Häufigkeitsmethode verhindert werden. Ergänzend wurden in die chiffrierten Texte oft „nulla“ eingeschoben, sinnlose Zeichen, die wie Buchstaben aussahen und das Entschlüsseln durch Unbefugte zusätzlich erschwerten.
Ein anderer unlösbarer Code der bisher auf seine Entschlüsselung wartet war Cicada 3301, der Name einer unbekannten Organisation, die seit 2012 mehrfach komplexe Rätselserien veröffentlichte. Zur Lösung der Rätsel sind Kenntnisse in den unterschiedlichsten Bereichen erforderlich, darunter Verschlüsselungsverfahren und Steganografie, der Okkultismus des Aleister Crowley, Cyberpunk-Literatur, Werke von William Blake, angelsächsische Runen und Darknetsoftware wie der 1Tor-Browser. Die Lösung eines Rätselschritts führte zum nächsten Rätselschritt. Der oder die Urheber der Cicada-3301-Rätsel sind unbekannt. 2012 wurde die Internetseite geschlossen.
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1Der Tor-Browser ist ein spezieller Webbrowser, der für den Zugriff auf das Darknet und das Anonymisieren von Online-Aktivitäten verwendet wird. Er funktioniert, indem er Daten durch ein Netzwerk von „Onion Routern“ leitet, wobei jede Schicht der Verschlüsselung entfernt wird, bis die Nachricht ihr Ziel erreicht hat. Dies ermöglicht es, anonym im Internet zu surfen und das Darknet zu erkunden.

Der Cascajal-Stein ist eine im mexikanischen Bundesstaat Veracruz entdeckte Steinplatte, die als das älteste Schriftstück des amerikanischen Kontinents gilt. Er wird der Olmeken-Kultur zugeschrieben und auf etwa 900 v. Chr. datiert. Der Block besteht aus Serpentinit, einem grünlichen Gestein. Er wiegt etwa 11,5 bis 12 kg und ist ca. 36 cm lang, 21 cm breit und 13 cm dick. Fünf der sechs Seiten sind leicht konvex, während die flache Oberseite mit den Schriftzeichen graviert ist. Die Platte enthält insgesamt 62 eingravierte Glyphen, die ein bisher unbekanntes Schriftsystem darstellen. Es wurden 28 verschiedene Symbole identifiziert, darunter Darstellungen von Pflanzen (wie Mais), Tieren (Insekten, Fische) und abstrakten Objekten (wie Throne). Die Zeichen sind in horizontalen Reihen angeordnet, wobei einige Symbole mehrfach wiederholt werden, was auf eine echte Sprache mit Syntax hinweist. Die Entdeckung belegt, dass die Olmeken bereits über eine komplexe Form der Schriftlichkeit verfügten, bevor andere Kulturen wie die Zapoteken oder Maya ihre Systeme entwickelten
Die Vinča-Zeichen (auch als Donauschrift bekannt) sind eine Sammlung von Symbolen, die auf Artefakten der neolithischen Vinča-Kultur (ca. 5300–4500 v. Chr.) in Südosteuropa gefunden wurden. Aktuell wird darüber diskutiert, ob sie das weltweit älteste Schriftsystem darstellen oder lediglich als Symbole (Proto-Schrift) dienten. Die Tafeln wurden in einer Opfergrube zusammen mit 26 Statuetten und den verbrannten Knochen einer älteren Frau gefunden. C14-Analysen der Begleitfunde (Knochen) deuten auf eine Entstehung um 5300–5500 v. Chr. hin. Damit wären sie über 1000 Jahre älter als die frühesten sumerischen Schriftfunde aus Mesopotamien. Die Symbole finden sich auf Tonwaren, Statuetten und insbesondere auf den berühmten drei Tontafeln von Tărtăria. Die kleinen (etwa 6 cm breiten) Tontafeln, zeigen Vinča-Zeichen. Eine runde Tafel ist durch eine Bohrung in der Mitte zweigeteilt und zeigt abstrakte Symbole. Dann zwei rechteckige Tafeln, eine davon weist ebenfalls ein Loch auf; zeigen Tierdarstellungen (möglicherweise eine Ziege oder Gazelle), Pflanzenmotive und komplexe geometrische Linien. Die Löcher deuten darauf hin, dass sie als Amulette oder Kultgegenstände getragen wurden. Die Zeichen könnten aber auch magische oder religiöse Botschaften für Eingeweihte darstellen.